Über Aufbau, Entwicklung, Einsatz und Besonderheiten von Kälteschutzbekleidung spricht Zita Ziem im Interview mit der Frischelogistik. Sie ist Produktmanagerin Kälteschutz bei HB Protective Wear.

Zita Ziem, Produktmanagerin Kälteschutz bei HB Protective Wear
Frau Ziem, die nach Din EN 342 zertifizierten Tempex Kälteschutz-Kollektionen von HB Protective Wear setzen auf das Prinzip »von Kopf bis Fuß für jeden Einsatz die passende Lösung«. Was ist bei der Auswahl von Kälteschutz zu beachten und wie unterstützt HB bei der Wahl des richtigen Kälteschutzes?
Zita Ziem: Bei der Auswahl der passenden Kälteschutzbekleidung spielen drei Faktoren eine Rolle: Temperatur, Dauer und Belastung. Bedeutet, wie lange und mit welcher körperlichen Belastung sich jemand bei welcher Temperatur aufhält. Die Körpertemperatur darf dabei nicht signifikant sinken. Alle drei Faktoren werden im Rahmen der Zertifizierung von Kälteschutz-PSA betrachtet und der sogenannte Isolationswert »ICLER« eines Kleidungsstücks beziehungsweise einer Bekleidungskombination errechnet. Der ICLER (Insulation Class Environment Rating) bezeichnet die Grundwärmeisolation und gibt an, wie lange man sich mit der jeweiligen Bekleidung bei welcher Temperatur und Bewegungsintensität aufhalten kann, und ist in drei Leistungsstufen unterteilt. Wir unterstützen unsere Kunden bei der Auswahl ihrer PSA, indem wir unsere Tempex Kälteschutz-Kollektionen den ICLER-Werten und Leistungsstufen entsprechend einteilen: Chillroom für normale Bewegungsintensität bei mäßiger Kälte zwischen 0 und 10 °C wie zum Beispiel im Lebensmittel-Frischebereich. Cold Store für bewegungsintensive Tätigkeiten bei Temperaturen bis zu -49 °C wie bei Kommissionierer-Arbeiten. Und schließlich Cold Store Plus für bewegungsarme Tätigkeiten bei Temperaturen bis -49 °C, beispielsweise für Staplerfahrer.
Wie läuft die Zertifizierung von Kälteschutzbekleidung konkret ab? Wer führt die Prüfungen durch, und welche Rolle spielt HB Protective Wear in dem Prozess – von der Materialauswahl bis zur finalen CE-Kennzeichnung?
In einem Materialverabschiedungsprozess mit definierten Mindestanforderungen prüfen wir infrage kommende Materialien zunächst intern. Bei der Materialauswahl hilft uns unsere jahrzehntelange Erfahrung im Bereich zertifizierter PSA. Danach werden sie, kombiniert als Materialaufbau beziehungsweise Steppverbund, in akkreditierten Instituten getestet und zertifiziert. Sind die geeigneten Qualitäten zusammengestellt, produzieren wir Erstmuster, die wir in unserem hauseigenen Waschlabor nach Industriestandard waschen und trocknen. Anschließend werden diese einem Tragetest unterzogen. Sind die Modelle finalisiert, startet der Zertifizierungsprozess für die Fertigteile. Dafür gehen Zertifizierungsmuster ans Prüfinstitut. Die Prüfung erfolgt als Aufbau auf einer Thermopuppe. Bedeutet, dass Jacke und Hose zusammen mit der in der Norm EN 342 definierten Unterwäsche geprüft werden. Die Prüfergebnisse werden ermittelt, der ICLER errechnet und eine Baumusterprüfbescheinigung ausgestellt. Das Institut stellt das Zertifikat aus, wir als Hersteller die Konformitätserklärung und bringen an jedem Produkt die CE-Kennzeichnung im Etikett an.
Was bedeutet das konkret, dass Bekleidung »zusammen geprüft« wird? Wird die Schutzwirkung immer als Ensemble getestet (Unterwäsche, Jacke, Hose), und wie wichtig ist die richtige Kombination für die Zertifizierung?

Kälteschutzbekleidung wird immer als Kombination von Jacke, Hose und Unterwäsche auf ihre Isolierleistung geprüft.
Genau, Kälteschutzbekleidung wird immer als Kombination von Jacke, Hose und Unterwäsche geprüft. Jacke und Hose sind dabei, mit Blick auf die ICLER-Leistungsstufen, aus demselben Material. Der ermittelte Isolationswert gilt dann auch ausschließlich für die jeweilige Bekleidungskombination. Übrigens: In der Norm EN 342 wird unsere Tempex Unterwäsche für die Tests am Fertigteil als Referenzbekleidung ausgewiesen und von akkreditierten Instituten für Prüfungen eingesetzt. Zusätzlich ist natürlich vom Träger sicherzustellen, dass auch die Hand- und Fußbekleidung eine für die jeweilige Umgebungstemperatur ausreichende Wärmeisolation besitzt und dass Gesicht und Kopf angemessen geschützt sind.
Die Norm EN 342 definiert Anforderungen an Kälteschutzbekleidung, zum Beispiel den genannten Isolationswert ICLER, Luftdurchlässigkeit und optionale Wasserdichtigkeit. Wie stellen Sie sicher, dass Ihre Produkte diese Anforderungen erfüllen, und wie kommunizieren Sie die Leistungswerte an Ihre Kunden?
Da sprechen Sie einen zentralen Aspekt an, der uns bei HB sehr wichtig ist: zuverlässige Produktqualität. Alle Materialien, Accessoires und Fertigteile werden vor, während und nach der Produktion in festgelegten Schritten auf Qualität und Normkonformität geprüft. Dies stellt nicht zuletzt auch der zuvor geschilderte Zertifizierungsprozess sicher. Davon kann sich der Kunde durch die Konformitätserklärung zum Produkt überzeugen, die auf unserer Website heruntergeladen werden kann. Gleichzeitig sichern wir die Rückverfolgbarkeit unserer Produkte gemäß PSA Verordnung 2016/425. Neben der CE- und der Herstellerkennzeichnung findet sich am Produkt die Produktionsnummer sowie die Angabe der zertifizierten Normen und Leistungsstufen. Zusätzlich sind die Leistungswerte im Katalog zu finden sowie auf unseren technischen Produktdatenblättern für die Kunden.
Für welche Industrien sind Ihre Kälteschutzlösungen besonders relevant? Gibt es Unterschiede in der Ausführung für Branchen wie Lebensmittelverarbeitung (Frischebereich bei circa 10 °C), Tiefkühllogistik oder Outdoor-Bau?

Die gesteppte Jacke der neuen Kollektion ist eine Innenjacke für noch höheren Schutz vor Kälte.
Unsere Tempex Kälteschutzkollektionen sind vorwiegend für den Einsatz im Groß- und Einzelhandel und in der Tiefkühllogistik konzipiert sowie für Gastronomie, Pharmaindustrie und Forschung. Für bewegungsintensive Tätigkeiten wie dem Kommissionieren sorgt unser ergonomischer Schnitt mit vorgeformten Ärmeln und Rückenverlängerung für die nötige Bewegungsfreiheit. Für bewegungsärmere Arbeiten wie Gabelstaplerfahren wiederum ist unsere Bekleidung mit Teddyfutter oder dickerem Isoliervlies ausgestattet. Die Tempex Hygiene-Kollektion wurde speziell für die Lebensmittelindustrie entwickelt und ist aus weißem Obermaterial, damit Verunreinigungen schneller identifiziert werden können. Zudem sind keine außenliegenden Taschen angebracht, um Kontaminationen zu minimieren.
Sie haben kürzlich Ihre neue Kälteschutzkollektion Tempex Cold Pro vorgestellt – als Marktneuheit speziell für die Pflege im Textilservice. Was ist hieran so besonders?
Bei der Entwicklung wurde viel Wert auf Strapazierfähigkeit des Materials gelegt: Das Isoliervlies bleibt auch bei hohen Waschtemperaturen sowie im Trockner dimensionsstabil und behält ebenso wie der hochwertige Oberstoff die Wärmeisolation bei. Dank der Zertifizierung gemäß Iso 15797 und der hervorragenden Pflegeeigenschaften ist ein reibungsloser Ablauf im Textilservice gewährleistet. Die Kollektion ist mit dem Pro Label 60 °C ausgezeichnet und kann im Tumbler bis 90 °C getrocknet werden. Darüber hinaus sind Jacke und Hose reparaturfreundlich: Die Reflexstreifen sind so verarbeitet, dass mithilfe eines Reparaturreißverschlusses ein defekter Reflexstreifen ausgetauscht werden kann. Dies alles ist für große Kunden von Textildienstleistern wie Supermarktketten oder Caterer interessant, die hochwertige PSA in der professionellen Pflege angeboten bekommen möchten. Damit ist die Cold Pro tatsächlich die erste zertifizierte Kälteschutzbekleidung auf dem PSA-Markt, die in verschiedener Hinsicht speziell für den Textilservice entwickelt wurde.
In vielen Arbeitsumgebungen ist neben Kälteschutz auch erhöhte Sichtbarkeit erforderlich. Wie integrieren Sie Warnschutz-Elemente gemäß EN 17353 in Ihre Kälteschutzbekleidung, ohne die Wärmeisolierung oder Ergonomie zu beeinträchtigen?
Wir setzen bei unserer neuen Kollektion Tempex Cold Pro auf hochwertige, umlaufende Reflexstreifen, die so verarbeitet sind, dass keine Beeinträchtigung entsteht. Zusätzlich ist sie mit Reflexpaspeln und -applikationen ausgestattet, wie sie bei allen unseren Kälteschutzkollektionen eingesetzt werden.
HB Protective Wear hat das Ecovadis Gütesiegel für Nachhaltigkeit erhalten. Wie verbinden Sie ökologische Materialien und industrielle Waschbarkeit mit den hohen Anforderungen an Kälteschutz und Normkonformität?

Eine moderne Passform, ansprechendes Design und elastische Materialien spielen zunehmend eine größere Rolle bei der Kälteschutzkleidung.
Hier können wir mit der Verarbeitung hochwertiger industriewaschtauglicher Materialien punkten, die mit dem Pro Label zertifiziert und somit für Wäscher und Leaser geeignet sind. Denn die professionelle Pflege von PSA im Textilservice ist gleich mehrfach nachhaltig: sie erhält die Schutzfunktion, erhöht die Lebensdauer und ist ressourcenschonend. Auch die bereits erwähnte Reparaturfreundlichkeit der Produkte ist ganz im Sinne nachhaltiger Langlebigkeit.
Welche Entwicklungen sehen Sie in den nächsten Jahren? Geht der Trend zu leichteren, flexibleren Materialien, die gleichzeitig aber auch mehrere Normen abdecken?
Durchaus. Wir beobachten derzeit eine steigende Nachfrage nach Produkten, die mehrere Einsatzbereiche abdecken und beispielsweise Kälteschutz mit Warnschutz oder weiteren Normen kombinieren. Des Weiteren spielen moderne Passform, ansprechendes Design und elastische Materialien zunehmend eine größere Rolle.








