Um Widerstandsfähigkeit als Kühlkette zu erreichen, lohnt es sich Gedanken darüber zu machen, wie die dafür nötigen Immobilien gebaut werden. Der Blick darf dabei nicht an der Grundstücksgrenze enden, empfiehlt unser Autor Martin Pollpeter in seinem Gastbeitrag.
Die Logistikbranche steht vor einer ihrer größten Bewährungsproben. Eine reibungslose Lieferkette ist das Fundament unserer modernen Wirtschaft, doch zunehmende Krisen stellen dieses Fundament auf die Probe. Insbesondere in der temperaturgesteuerten Logistik führt jede Störung unweigerlich zu massiven Risiken für die Frische und Qualität von Lebensmitteln. Unerwartete Ereignisse wie Stromausfälle oder der Ausfall zentraler Verkehrswege sind keine theoretischen Szenarien mehr. Sie sind Realität, deren wirtschaftliche Folgen die Branche spürt. Eine tiefgreifende, systematische Risikoanalyse bei der Standortwahl und Planung ist daher unverzichtbar. Doch der Blick darf nicht an der Grundstücksgrenze enden. Es geht darum, das gesamte System aus der Perspektive des Betreibers zu betrachten und präventive Strategien zu entwickeln.
Der Standort als Knotenpunkt der Resilienz
Als Generalplaner ist es unsere Hauptaufgabe, das Logistikgebäude und damit die Interessen unserer Auftraggeber in den Mittelpunkt zu stellen. Dennoch müssen wir den Horizont erweitern und die Abhängigkeiten von der umgebenden Infrastruktur anerkennen. Gerade in der Frischelogistik, wo die durchgehende Kühlkette oberste Priorität hat, sind die Schwachstellen der externen Infrastruktur unmittelbar spürbar.
Ein Ausfall der Stromversorgung ist hier das wohl drastischste Szenario. Während im konventionellen Logistikbereich der Betrieb unter Umständen über Stunden eingeschränkt weiterlaufen kann, führt ein solcher Ausfall in einem Kühlhaus innerhalb kurzer Zeit zum Verderb der gelagerten Waren. Die planerische Antwort darauf ist eine robuste, autarke Energieversorgung, die eine Unterbrechung der Kühlkette auch bei einem Blackout verhindert. Dies beginnt bei der Konzeption von Notstromsystemen, die nicht nur für die Beleuchtung, sondern vor allem für die Kühlaggregate ausgelegt sind. Ein wesentlicher Aspekt hierbei ist die Dimensionierung. Ein Notstromaggregat muss nicht nur die Kühlung in den Lagerräumen, sondern auch die für das Lowhouse, die Fördertechnik und die IT-Systeme sicherstellen.
Ebenso wichtig ist die bauliche Gestaltung der Übergabepunkte. Die Anlieferung von Lebensmitteln in gekühlten Lastwagen erfordert ein lückenloses System. Ein Fahrzeug dockt an ein sogenanntes Dockhouse an, ein überdachter, oft klimatisierter Bereich, der als Pufferzone dient und eine Unterbrechung der Kühlkette beim Entladen verhindert. Die Planung dieser Anbindungsstellen, einschließlich Schleppkurven und Ladezonen, muss unter Berücksichtigung der speziellen Anforderungen der Frischelogistik erfolgen. Jedes Detail, von der Abdichtung der Tore bis zur Temperatursteuerung im Dockhaus, trägt dazu bei, die Qualität der sensiblen Waren zu erhalten.
Ein weiterer kritischer Punkt ist die Ausfallsicherheit der internen Logistik. Was passiert, wenn Gabelstapler oder Förderbänder ausfallen? Auch hier müssen Redundanzen eingeplant werden, die einen manuellen oder alternativen Betrieb ermöglichen, um den Warenfluss aufrechtzuerhalten. Die bauliche Anordnung der Lagereinheiten sollte dies ebenfalls berücksichtigen, um im Notfall schnell und effizient reagieren zu können.
Risikomanagement über die Grundstücksgrenze hinaus
Ein effektives Risikomanagement beginnt mit einer genauen Bestandsaufnahme und einer vorausschauenden Betrachtung. Es reicht nicht, nur die LKW-Größe und die Anfahrtswege zu prüfen. Wir müssen uns die Frage stellen: Was passiert, wenn ein LKW den Standort nicht mehr verlassen oder nicht erreichen kann, weil eine zentrale Verkehrsachse gesperrt ist? In der Frischelogistik, wo die Haltbarkeit der Ware begrenzt ist, hat eine solche Störung sofort massive Konsequenzen.
Das wichtigste Element im Risikomanagement ist der Maßnahmenplan im Eintrittsfall. Wir müssen Antworten bereithalten, noch bevor die Krise eintritt. So muss beispielsweise geklärt sein, wo ein LKW seine Ladung zwischenlagern oder die Kühlung erneuern kann, wenn sein Zielstandort aufgrund eines Stromausfalls oder einer Straßensperrung nicht erreichbar ist. Ein solches Netzwerk an Notfallstützpunkten, bei denen die Fahrzeuge energetisch versorgt werden können, sei es mit Strom oder Kraftstoff für die Kühlaggregate, ist ein essenzieller Bestandteil einer resilienten Lieferkette. Wir dürfen uns nicht wie Netzplaner verhalten, die ein übergeordnetes System entwerfen. Stattdessen müssen wir die Realität akzeptieren: Die vorhandene Infrastruktur ist unser Status quo. Unsere Aufgabe ist es, diesen aus der Betreibersicht richtig zu bewerten und einen Maßnahmenplan zu entwickeln, um im Krisenfall schnell und effektiv reagieren zu können. Dies ist das wichtigste Element des Risikomanagements: sehen, bewerten, vermeiden, reagieren.
Ein Beispiel aus der Praxis verdeutlicht dies: Ein Logistikunternehmen könnte in Kooperation mit anderen Standorten oder sogar Wettbewerbern ein Netzwerk von Notfall-Dockingstationen aufbauen. Sollte ein LKW seine geplante Route aufgrund einer unvorhergesehenen Straßensperrung nicht fortsetzen können, hätte der Fahrer die Möglichkeit, den nächstgelegenen Stützpunkt anzufahren. Dort könnte er entweder die Kühlung des Fahrzeugs sicherstellen oder die Waren für eine Zwischenzeit in einem Ersatzlager unterbringen, bis die ursprüngliche Route wieder frei ist. Solche Überlegungen müssen bereits in der Planungsphase als integraler Bestandteil des Konzepts verankert sein.
Strategien für eine zukunftssichere Planung
Eine nachhaltige Planung für die Frischelogistik der Zukunft muss unwahrscheinliche Risiken antizipieren. Hier sind einige Schlüsselelemente für eine widerstandsfähige Standortentwicklung:
Autonome Energieversorgung: Logistikgebäude, insbesondere Kühllager, müssen über redundante Stromsysteme verfügen. Photovoltaikanlagen, Batteriespeicher und Notstromaggregate sind unerlässlich, um bei Ausfällen eine durchgehende Kühlkette zu sichern und den Betrieb zu gewährleisten. Die Auslegung dieser Systeme muss so erfolgen, dass sie nicht nur kurzfristige Überbrückungen ermöglichen, sondern auch den Betrieb über einen längeren Zeitraum aufrechterhalten können, sollte die externe Stromversorgung länger als erwartet ausfallen. Dies erfordert eine genaue Bedarfsanalyse der Kühlleistungen und des Energieverbrauchs aller kritischen Systeme.
Intelligente Standortwahl: Die Auswahl des Standortes sollte eine umfassende Analyse der lokalen Infrastruktur beinhalten. Gibt es alternative Verkehrswege, wenn Hauptachsen wie Brücken oder Autobahnen ausfallen? Gibt es ein Netzwerk aus nahegelegenen Standorten, das bei lokalen Krisen unterstützend wirken kann? Hierbei geht es auch um die Bewertung der baulichen Substanz der Infrastruktur. Eine Brücke, die regelmäßig zur Prüfung ansteht, könnte ein höheres Risiko darstellen als eine kürzlich sanierte. Solche Informationen sollten in die Standortbewertung einfließen, um Risiken frühzeitig zu erkennen.
Technische Redundanz: Nicht nur die Energieversorgung, sondern auch die technischen Systeme des Gebäudes, von der Kühltechnik bis zur Lagerverwaltung, müssen redundant angelegt sein. Dies minimiert die Ausfallwahrscheinlichkeit und sichert die Handlungsfähigkeit in kritischen Situationen. Back-up-Systeme, alternative Steuerungen und die Möglichkeit des manuellen Betriebs sind essenzielle Bestandteile. Die IT-Infrastruktur, die für die Lagerverwaltung und die Temperaturüberwachung zuständig ist, muss ebenfalls über Notstromversorgung und eine stabile Datenanbindung verfügen, um die lückenlose Überwachung der Kühlkette zu garantieren.
Vorausschauendes Risikomanagement: Ein detaillierter Notfallplan, der spezifische Szenarien für die Frischelogistik vorsieht, ist entscheidend. Dazu gehören Pläne für Stromausfälle, Straßensperrungen und das schnelle Umparken von LKW. Solche Pläne müssen regelmäßig aktualisiert und mit den Mitarbeitern durchgespielt werden. Die Ausbildung von Krisenstäben und die klare Zuweisung von Verantwortlichkeiten sind hierbei ebenso wichtig wie die technische Ausrüstung. Der Fokus liegt dabei immer darauf, die Kühlkette um jeden Preis zu sichern.
Vernetzung und Kommunikation: Die Zusammenarbeit mit lokalen Behörden und anderen Logistikunternehmen in der Region kann im Krisenfall entscheidend sein. Wer Teil eines kommunalen Krisennetzwerks ist, kann von abgestimmten Reaktionsplänen profitieren und frühzeitig über drohende Störungen informiert werden. Dies ermöglicht es, Routen umzulegen oder Notfallmaßnahmen zu aktivieren, bevor es zu spät ist.
Unser Fokus als Generalplaner bleibt das Gebäude und die Bedürfnisse unserer Kunden. Aber die Welt hat sich verändert. Wir können es uns nicht mehr leisten, die Komplexität der externen Infrastruktur zu ignorieren. Statt uns als Netzplaner zu sehen, verstehen wir uns als Risikomanager, die den Blick von der Grundstücksgrenze lösen und die Realitäten der heutigen Welt in die Bauplanung integrieren. So schaffen wir Logistikstandorte, die nicht nur effizient, sondern auch sicher und zukunftsfähig sind.
Die Investition in diese präventiven Maßnahmen mag auf den ersten Blick als zusätzlicher Kostenfaktor erscheinen, doch sie sichert die langfristige Stabilität und den Wert der Immobilie. Ein Logistikstandort, der auch unter widrigsten Umständen die Frische der Produkte garantieren kann, ist nicht nur für seine Betreiber, sondern auch für Nutzer und Versicherer weitaus attraktiver. Es ist ein Wettbewerbsvorteil, der in einer zunehmend unsicheren Welt den entscheidenden Unterschied machen wird. Die Zukunft der Logistik hängt von unserer Fähigkeit ab, heute die richtigen Entscheidungen für morgen zu treffen.
Martin Pollpeter
Unser Autor
Unser Autor Martin Pollpeter ist Experte in der Steuerung komplexer Bauvorhaben und der nachhaltigen Generalplanung sowie Geschäftsführer der Bockermann Fritze Plan4building GmbH, Enger.








