Wie Technologie und KI-basierte Software das Fahren für Logistiker sicherer und effektiver machen kann, zeigte Samsara auf einer Konferenz in London. Auch an Beispielen aus der temperaturgeführten Logistik verdeutlichte das US-Unternehmen, was heute schon möglich ist und wohin die Reise gehen könnte.

Lydia Raven von Samsara spricht mit den Connected Operations Award-Preisträgern Peter Cox, Leiter für Transport bei Clean Linen & Workwear, und Andrew Sharp, Transport-Schichtleiter bei Delifresh, das für Exzellenz im Fahrerengagement ausgezeichnet wurde.
Von Unfallstatistiken zu lesen oder in der Fahrschule Maßnahmen für sicheres Verhalten am Steuer zu hören, kann auf die Gefahren im Straßenverkehr aufmerksam machen. Doch einen so nachhaltigen Effekt wie das eigene Erleben haben solche theoretischen Methoden nicht. Das veranschaulichte das Beispiel von Daniel Mann, einem Fahrer des britischen Lebensmittelgroßhändlers Delifresh, das auf der Konferenz »Go beyond« des US-amerikanischen Technologieanbieters Samsara Anfang November in London gezeigt wurde. Aufgrund von Müdigkeit verursachte er beinahe einen Auffahrunfall – und konnte sich in einer Sicherheitsbesprechung nach der Schicht selbst dabei sehen, gefilmt durch eine Kamera, die sowohl Straße als auch Fahrer im Blick hat. Mann nahm diesen Schreck zum Anlass, seine Lebensgewohnheiten umzustellen und richtete sich zum Beispiel einen Wecker ein, der ihn nicht wecken, sondern an das rechtzeitige Zubettgehen erinnern soll.
Bei der Analyse interner Daten kommt Samsara auf beeindruckende Erfolgszahlen: Über 250 000 Unfälle seien weltweit bereits mit der Hilfe der eigenen Systeme verhindert worden, das errechnete Unfallrisiko sei mit den in zwei Richtungen aufnehmenden Kameras des Unternehmens um 65 Prozent reduziert. Als Hintergrund nennt das Unternehmen britische Zahlen zu Unfallursachen: 12,5 Prozent der Kollisionen auf Autobahnen erfolgen wegen zu dichtem Auffahren, bei 27 Prozent der tödlichen Unfälle wird Geschwindigkeitsübertretung als eine Ursache genannt.
Weniger Versicherungskosten
Delifresh konnte seine Versicherungskosten mit Samsara um 61 Prozent reduzieren. Der Gastronomie-Dienstleister aus Bradford in der Grafschaft West Yorkshire nutzt die Lösungen des US-Unternehmens, um die Unfallhäufigkeit zu reduzieren und die Sicherheitskultur des Unternehmens weiterzuentwickeln. Dabei war Deli-
fresh so erfolgreich, dass man sich bei Samsaras Connected Operations Awards in der Kategorie für Exzellenz im Fahrerengagement durchsetzen konnte. Schon der Prozess der Bewerbung sei lehrreich gewesen, berichtete Andrew Sharp, Transport-Schichtleiter bei dem britischen Lebensmittelvertriebsunternehmen, in London: »Als wir die Daten zusammentrugen, traf es uns wie ein Schlag. Das Coaching, der Rückgang der wiederholten Lieferungen, die Entlastungen. Uns wurde klar, dass wir die Plattform viel intensiver nutzten als angenommen, und die Auswirkungen waren viel bedeutender als wir vermutet hatten.«
KI-basierte Funktionen auf dem Vormarsch

Stellten auf der Veranstaltung Produktneuerungen und eine Partnerschaft vor (von links): Johan Land, Ryan Yu und Volkmar Knaup.
Auf der Tagung kündigte Samsara mit Smart Compliance, Weather Intelligence und dem Samsara Avatar verschiedene Produktneuheiten und -weiterentwicklungen an. Die neuen Funktionen sollen zentrale Herausforderungen europäischer Flotten adressieren: Sie unterstützen beim Navigieren komplexer Tachograph-Vorgaben, schützen Fahrer bei Unwetterlagen und skalieren Coaching-Programme mit lebensnahen KI-Coaches. Zudem kündigt Samsara eine Partnerschaft mit der deutschen Continental-Ausgründung Aumovio an, dessen Marke VDO als führender Tachograph-Hersteller in Europa gilt. VDO soll für die US-Amerikaner EU-Compliance-Expertise und etablierte Regelwerke für Verstöße einbringen.
Samsara hat nach eigenen Angaben Zugriff auf etwa 20 Billionen Datenpunkte, die von Millionen von vernetzten Fahrzeugen, Standorten und Assets weltweit erfasst wurden. Diese nutze man, um seine KI-Modelle kontinuierlich zu trainieren und zu entwickeln.
Smart Compliance soll es Flottenbetreibern ermöglichen, Verstöße beim digitalen Fahrtenschreiber auf einer integrierten Plattform zu verwalten, zu beheben oder komplett zu vermeiden. Abgesehen von den finanziellen Risiken müssen Flottenbetriebe Verstöße untersuchen und beheben. Dieser zeitkritische Prozess ist mit großem administrativem Aufwand verbunden. Bislang waren Manager auf fragmentierte Lösungen angewiesen, bei denen Fahrtenschreiber-Downloads, Verstoßanalysen und Telematik auf separaten Plattformen bearbeitet werden mussten. Grenzüberschreitende Flotten mussten zudem unterschiedliche Systeme je nach Geografie verwenden. Smart Compliance bündelt diesen Prozess. Gestützt auf VDO-Regelwerke lassen sich Analyse, Bearbeitung und Behebung des gesamten Compliance-Lebenszyklus in einer Plattform abbilden – inklusive Verstoßanalyse in 17 Ländern, einer Compliance Inbox für Manager zur Prüfung und Fallbearbeitung sowie Driver Debrief für Fahrer zur Bestätigung und Kommentierung in der Samsara Driver App.
Als zentralen Innovationsschritt bezeichnet Samsara proaktive Warnhinweise: Fahrer werden rechtzeitig informiert, wenn ein kritischer Meilenstein erreicht ist, zum Beispiel die Überschreitung der 4-Stunden-30-Minuten-Regel für ununterbrochene Lenkzeit. Durch Echtzeit-Intervention könnten Flotten von reaktivem Handeln zu proaktivem Risikomanagement wechseln, betont das Unternehmen. Für die Betriebsaufsicht visualisiert ein Compliance-Dashboard Flottenleistung und Vorgangsbearbeitung.
Auf dieser Basis sollen in den nächsten Monaten weitere Funktionen folgen, kündigte Samsara im November an, darunter Multi-Ruleset-Support für multinationale Flotten, Smart-Compliance-Programme mit automatisiertem Routing und SLA-Tracking, erweiterte Berichte, auditfähige Exporte sowie die Möglichkeit, DVSA-Earned-Recognition-zertifizierter IT-Anbieter zu werden. Bis 2026 soll die Abdeckung auf 21 Länder ausgebaut werden, darunter Belgien, Luxemburg und Tschechien, mit erweiterter Unterstützung für Spanien.
»VDO genießt seit Jahrzehnten das Vertrauen europäischer Flotten für verlässliche Tachograph-Technologie und Compliance-Expertise«, sagt Volkmar Knaup, Head of Services Europe im Geschäftsbereich Nutzfahrzeuge und Spezialfahrzeuge bei Aumovio. »Gemeinsam mit Samsara bringen wir diese Glaubwürdigkeit in eine verbundene Plattform, die Kunden nicht nur bei der Einhaltung von Vorgaben hilft, sondern diese auch effizienter macht. Zusammen geben wir Flotten Werkzeuge an die Hand, um Risiken zu reduzieren, Fahrer zu unterstützen und sich stärker auf ihr Kerngeschäft zu konzentrieren.«
Intelligente Wetterwarnungen integriert

Beispiel für Livebilder, die in Samsaras Weather Intelligence zum Beispiel vor Regen warnen und dabei die Situation realistischer einschätzen lassen.
Wetterbedingte Ereignisse gehören zu den unberechenbarsten Sicherheitsrisiken. Stürme, Glätte und starker Wind verursachen häufig Unfälle, Verzögerungen und Ausfallzeiten, das Sturmtief Elli hat es Anfang des Jahres wieder bewiesen. Mit Weather Intelligence will Samsara Echtzeit- und Vorhersage-Transparenz in sich ändernde Bedingungen bringen und Flotten die Werkzeuge geben, um entschlossen zu handeln, wenn sich das Wetter verschlechtert. In London vermeldete Samsara, seine KI-gestützte Wetterintelligenz auf das Vereinigte Königreich und Irland ausgeweitet zu haben, sodass Fuhrparkmanager live sehen können, wie das Wetter ihre Abläufe beeinflusst. Das Dashboard überlagert Radardaten und Wettervorhersagen mit den Fahrzeugstandorten und ermöglicht es Planern und Fuhrparkmanagern, zu erkennen, welche Routen und Fahrzeuge von starkem Regen, Schnee oder starken Winden betroffen sein könnten. Es aggregiert auch anonymisiertes Videomaterial in Echtzeit von Millionen von Fahrzeugen innerhalb des Samsara-Netzwerks, um die tatsächlichen Straßenbedingungen zu zeigen. Die Street Sense-Feature baut auf dem globalen Kameranetzwerk von Samsara auf und kann reale Probleme wie Überschwemmungen, Straßenschutt oder schlechte Sicht hervorheben.
Flottenmanager können mit den Dashboard-Overlays die Exposition einzelner Fahrer bestimmen und anpassbare Echtzeit-Warnungen als Audiohinweise im Fahrzeug und über die Samsara Driver App senden. Drei zentrale Funktionen sind in einem System integriert: flottenweite Wetter-Visualisierungen, Echtzeit-Warnungen an Fahrer und eine visuelle Überprüfung vor Ort durch Dashcam-Aufnahmen in kritischen Witterungszonen, sofern verfügbar. Über die Streetsense genannte Funktion können Flottenbetreiber über Kamerabilder fremder Fahrzeuge Bedingungen auch außerhalb eigener Einsatzgebiete einsehen. Dies wird durch die Größe des Samsara-Netzwerks möglich, die Zustimmung der Kunden vorausgesetzt. »Dank dieser Neuerungen lösen wir zwei Kernprobleme, die uns alle Flottenmanager nennen: die dauerhafte Einhaltung der Vorschriften zu gewährleisten und gleichzeitig unsere Fahrer auf der Straße zu schützen«, erklärt Ryan Yu, Vice President Products bei Samsara. »Unsere Arbeit mit VDO bedeutet, dass Kunden europaweit ihre Compliance an einem Ort und mit Vertrauen managen können. Und mit Weather Intelligence geben wir Fahrern und Managern die Sichtbarkeit, um bei schwierigen Bedingungen sicherere Entscheidungen zu treffen. Genau darum geht es bei unserer Plattform: zuhören, die härtesten Herausforderungen unserer Kunden angehen und sichere sowie effiziente Abläufe ermöglichen«, betont Yu.
Ankündigung: Samsara Avatar
Samsara hat in London zudem den Samsara Avatar vorgestellt: eine neue Funktion, mit der Flotten ihre Fahrsicherheitsprogramme skalieren können, indem lebensnahe KI-Coaches eingesetzt werden. Der Samsara Avatar ermöglicht menschenzentrierte Trainingsinhalte, indem echte Teammitglieder in digitale Coaching-Abläufe eingebunden werden. Direkt über die Samsara Driver App bereitgestellt, soll die Funktion für konsistente, ansprechende und skalierbare Trainings über die gesamte Flotte sorgen und Sicherheit, Performance und Teamzusammenhalt stärken.
Samsara präsentierte zudem weitere kürzlich eingeführte Funktionen, darunter KI-gestützte automatisierte Schulung zur Skalierung von Sicherheitsprogrammen und Sicherheit für Außendienstmitarbeiter mit Funktionen wie SOS auf Knopfdruck und proaktive Statusmeldungen für Mitarbeiter außerhalb des Fahrzeugs. Das Qualifikationsmanagement bietet Tools zur Verwaltung und Pflege von Mitarbeiter- und Fahrzeugzertifikaten. Die Verwaltung solcher Qualifikationen ist für effiziente Flottenbetriebe essenziell, stellt aber eine komplexe administrative Herausforderung dar – besonders bei hoher Personalfluktuation. Samsaras Qualifikationsmanagement bietet eine neue, automatisierte und KI-gestützte Lösung, um den manuellen administrativen Aufwand erheblich zu reduzieren, Kosten zu senken und vollständige Regelkonformität zu sichern, so das Unternehmen.
Der neue KI-gestützte Schulungsansatz von Samsara hilft Flottenbetrieben, ihre Sicherheitsprogramme auszuweiten und Risiken deutlich zu senken. Das geschieht ohne zusätzliche Ressourcen oder Belastung der Teams. Manager nutzen nun KI und Automatisierung, um Fahrer in großem Umfang zu schulen, zu trainieren und anzuerkennen. Das gilt unabhängig von der Flottengröße. Statt manueller Prüfungen wird die Schulung automatisch durch Fahrverhalten ausgelöst. Sie erfolgt über In-Cab-Warnmeldungen, automatisierte Hinweise in der Driver-App oder managergeleitete Schulungen. Durch zeitnahe Rückmeldungen wird ein sicheres Fahrverhalten verstärkt, während Manager sich mit ihrem persönlichen Einsatz auf die Schulung risikobehafteter Fahrer und die Anerkennung von Top-Performern konzentrieren können.
Routenplanung und Optimierung
Auch ein neues KI-gestütztes Routenplanungs- und Optimierungssystem für Unternehmen hat Samsara für die erste Jahreshälfte 2026 angekündigt. Es soll manuelle, tabellenkalkulationsbasierte Prozesse, die in der Transportplanung immer noch üblich sind, durch ein intelligentes Tool ersetzen. Kunden könnten einfach Liefer-/Abholdaten, Fahrzeugtypen, Lieferzeitfenster, Fahrerschichtlimits und alle Sonderanforderungen wie Kühlung oder den Gefahrgut-Transport (ADR-Zertifizierung) importieren. Das System wägt verschiedene Variablen wie Entfernung, Kraftstoffkosten, Fahrzeugbetriebsstunden und Verkehrsmuster ab, bevor es die effizienteste Kombination aus Routen und Ressourcen berechnet. Sobald die KI-generierte Route freigegeben ist, wird sie direkt an die Samsara Driver App gesendet. Auf der Konferenz demonstriert wurde diese neue Funktion anhand eines Lebensmittelgroßhändlers, der Touren, auch mit Kühlfahrzeugen, in London zu planen hat.
Die Fahrer-App ist auch die Heimat eines neuen kommerziellen Navigationssystems. Dies bietet Wegbeschreibungen in Echtzeit, die nicht nur auf effizienten Routen basieren, sondern auch auf den Abmessungen, dem Gewicht und der Ladungsklasse eines Fahrzeugs. Es berücksichtigt auch niedrige Brücken, Straßen mit Gewichtsbeschränkungen und soll laut Samsara in Kürze auch die Umweltzonen mit einbeziehen. Im Gegensatz zu Verbraucher-Apps wie Google Maps oder Waze integriere es sich direkt in Fuhrpark-Daten und nutzt KI, um Live-Verkehr und Straßenbedingungen zu interpretieren, um Fahrer bei Bedarf umzuleiten.
Das ebenfalls auf der Go beyond Konferenz vorgestellte KI-Multikamera-System ist Samsaras neueste Entwicklung seiner Videosicherheitsplattform. Es umfasst vier zusätzliche hochauflösende Kameras, die rund um das Fahrzeug angebracht sind, um eine vollständige 360-Grad-Abdeckung zu gewährleisten. Die Kameras nutzen Edge-basierte KI, um tote Winkel zu eliminieren – wodurch sie effektiv »um Ecken sehen« können – und den Fahrer zu warnen, wenn sie Gefahren erkennen. Johan Land, Vice President Product and Engineering for Safety and AI von Samsara, zeigte sich überzeugt, dass KI einen größeren Einfluss auf die Verkehrssicherheit haben wird, als Anschnallgurt, ABS und Airbag zusammen.
Die Gefahren im Straßenverkehr, auch dem professionellen der Logistik, sind bekannt, Samsara zitierte in London Zahlen: So sagten im von dem Unternehmen erstellten Report »State of Connected Operations« 2024 79 Prozent der Fahrer, dass sie im letzten Jahr eine brenzlige Situation erlebt haben, weil sie auf irgendeine Art abgelenkt waren. Laut einer Untersuchung, die das Virginia Tech Transportation Institure schon 2009 veröffentlicht hat, erhöht die Handy-Nutzung die Wahrscheinlichkeit eines Unfalls um den Faktor 23. Rund ein Viertel aller tödlichen LKW-Unfälle in städtischen Gegenden steht laut einer Untersuchung der englischen Loughborough University aus 2021 in Verbindung mit Problemen mit dem »toten Winkel«. Auch hier berichtet Samsara von Erfolgen mit seinen Lösungen: Bei verschiedenen Unternehmen sei die Verwendung von Handys während der Fahrt nach Einführung eines kameragestützten Alarms in der Fahrerkabine um 80 oder mehr Prozent gesunken, zum Beispiel bei den rund 2000 Fahrzeugen, die Eurovia Vinci damit ausgestattet hat. (ms)
Kurzinfo Delifresh
Delifresh ist ein 2002 gegründeter Lebensmittelgroßhändler mit Sitz in Bradford in der Grafschaft West Yorkshire. Seine Kunden reichen von Sterne-Restaurants über Hotelküchen, trendigen Bars und der Gastronomie in großen Stadien bis zu Cateringservices. Das Unternehmen deckt Großbritannien mit Logistikzentren in Newcastle, Bradford, Widnes, Royal Leamington Spa und Slough ab.
Daniels Bericht vom Beinahe-Crash
Samsara zeigt auf seinem Youtube-Kanal ein Video über den Beinahe-Unfall des Delifresh-Fahrers Daniel Mann.









