Wenn es um Emissionen der Kühlkette geht, reichen Standardwerte für Frischelogistiker nicht mehr aus. Unser Autor Tobias Bohnhoff schildert, warum Emissionen messbar gemacht werden müssen.

Für den Kühlketten-Markt ist weltweit Wachstum vorausgesagt, gleichzeitig erwarten Kunden und Politik, dass die Emissionen der Branche nicht im selben Maß ansteigen.
Die weltweite Kühllogistik erlebt einen historischen Wachstumsschub. Prognosen zufolge wird der Markt bis 2033 ein Volumen zwischen 1,2 und 1,6 Billionen US-Dollar erreichen, mit jährlichen Wachstumsraten (CAGR) von 12 bis 15 Prozent. Getrieben wird dieser Boom von einem Zusammenspiel aus deutlich zunehmendem Versand frischer Produkte bei zugleich stark wachsendem Online-Lebensmittelhandel sowie einem dynamischen Pharmasektor.
Für viele Verantwortliche in der Frische- und (Tief-)Kühllogistik könnte sich dieser Aufschwung jedoch eher wie Dauerstress anfühlen – auf Grund steigender Energie- und Transportkosten, Fachkräftemangel und nicht zuletzt dem regulatorischen Druck, Emissionen transparent zu machen und zu reduzieren. Die Cold Chain-Logistik zählt mit Kühlanlagen und Dieselaggregaten sowie hohen Anforderungen ans Replenishment und punktgenaue Versorgung ohnehin zu den emissionsintensivsten Sparten des Wirtschaftsbereichs.
Warum die Kühlkette besonders energie- und emissionsintensiv ist
Kühlkettenlogistik ist physikalisch anspruchsvoll. Über die gesamte Kette hinweg – vom Vorkühlen im Lager über den Transport bis zur Feinverteilung – muss ein enges Temperaturband gehalten werden. Das bedeutet:
• kontinuierlicher Energiebedarf für Kühlanlagen in Lager, Umschlag und Fahrzeugen,
• zusätzlicher Kraftstoffverbrauch durch dieselbetriebene Kühlaggregate,
• verlängerte Stand- und Wartezeiten mit laufender Kühlung an Rampe und Hof,
• Multistopp-Touren mit häufigem Öffnen der Laderäume und Temperaturwechseln.
Das Tiefkühlsegment (–18 °C bis –25 °C) macht inzwischen mehr als 50 Prozent des Kühltransportvolumens aus. Emissions- und Kostentreiber sitzen oftmals genau dort, wo die Kühlkette operativ am sensibelsten ist.
Regulatorik 2026+: Was Frische- und Tiefkühllogistiker konkret betrifft
Parallel zur Marktdynamik verschärft sich der regulatorische Rahmen – und trifft insbesondere jene Unternehmen, die für Kühlketten verantwortlich sind:
• CSRD & EU-Nachhaltigkeits-Reporting: Große Unternehmen – und zunehmend auch mittelgroße – müssen Emissionen ganzheitlich bilanzieren. Dazu gehören Transporte und Lagerhaltung, oftmals als Scope 3-Emissionen, die künftig prüfpflichtig sind.
• EU-ETS II & Energiepreisrisiko: Die Einbeziehung des Straßenverkehrs- und Gebäudesektors in den Emissionshandel führt perspektivisch zu steigenden Energie- und Kraftstoffkosten. Für Kühlflotten und energieintensive Lager wirken sich ineffiziente Strukturen direkt auf die Marge aus.
• Lebensmittel- und Pharmaregulierung: Strenge Vorgaben zu Temperaturführung, Rückverfolgbarkeit und Qualitätssicherung führen zu engmaschiger Dokumentationspflicht. Was heute vor allem lebensmittelrechtlich oder pharmazeutisch begründet ist, wird perspektivisch immer enger mit Klima- und ESG-Anforderungen verknüpft.
• Standardisierung der Emissionsmethodik (GHG Protocol, Iso 14083): Verlader und Handel erwarten zunehmend, dass Transportemissionen nach anerkannten Standards berechnet werden – und vergleichbar sind.
Wer Emissionsdaten nicht strukturiert verfügbar machen kann, läuft Gefahr, Aufträge zu verlieren oder in Ausschreibungen nachrangig bewertet zu werden.
Wo es beim Emissionsmanagement heute hakt
Unsere Arbeit mit Frischelogistikern legt immer wieder ein ähnliches Muster offen: Emissionsrelevante Daten sind oft dezentral verteilt. Denn in den oft organisch gewachsenen Netzwerken kommen unterschiedliche Systeme für Telematik, aber auch Lager, Transport und Kühlaggregate zum Einsatz. Subunternehmer sind teils gar nicht digital angebunden.
Ohne strukturierte Datenbasis führen Anfragen zu CO2-Bilanzen bestimmter Kunden, Relationen oder Produktgruppen von Nachhaltigkeitsabteilungen und Key Accounts vor allem zu mühsamen Excel-Sonderauswertungen, Schätzwerten – und Unsicherheit. Generische Durchschnittswerte schaffen keine Abhilfe; als Entscheidungsgrundlage zur Dekarbonisierung sind sie für viele Verlader nicht ausreichend. Gerade in hochkritischen, energieintensiven Segmenten wie der Kühllogistik.
Best Practices: Wie Pioniere Transparenz und Reduktion zusammenbringen
Einige Akteure der Frischelogistik sind bereits einen Schritt weiter und nutzen Emissionsdaten nicht nur fürs Reporting, sondern für operative Entscheidungen. Sie standardisieren ihre Datenbasis entlang der gesamten Kühlkette und integrieren Daten aus Telematik, Transport-Management-Systemen (TMS) und Lagern (WMS) in einer einheitlichen Datenplattform wie Shipzero. Dadurch stellen sie sicher, dass ihre Berechnungen internationalen Standards wie der Iso 14083 entsprechen und auditsicher aufbereitet sind – eine zentrale Voraussetzung für die CSRD-Berichterstattung.
Ein Beispiel ist die Zusammenarbeit von Shipzero mit der Nagel Group, über die Frischelogistik bereits berichtet hat (Heft 3/2024). Lebensmittellogistiker wie Pflaum beweisen, dass serielles, digitales Carbon Accounting nicht nur für große Konzerne funktioniert (Frischelogistik 5/2025). Transparente Transportemissionen je Kunde, Tour oder Relation werden dort zur Grundlage für Optimierung und Kommunikation mit Verladern.
Wer Emissionsdaten mit Energie- und Effizienzprogrammen koppelt, kann Routen mit überproportionalem Energieverbrauch identifizieren (zum Beispiel viele Rampenstopps, urbane Feinverteilung mit langen Standzeiten) sowie Fahrzeug- und Aggregatmodelle vergleichen, um gezielte Umrüst- oder Investitionsentscheidungen zu treffen. Mit diesen Daten lassen sich alternative Kraftstoffe wie HVO (Hydroteated Vegetable Oil) und Antriebe wie elektrische Nutzfahrzeuge gezielt testen und skalierbar ausrollen.
Gemeinsam ist diesen Best Practices: Es geht nicht um »one shot«-CO₂-Rechner, sondern um ein dauerhaftes, qualitätsgesichertes Emissionsmanagement.
Konkrete Handlungsempfehlungen für Frischelogistiker
Für Nachhaltigkeitsverantwortliche, operative Leitungen und Entscheider lassen sich daraus pragmatische Schritte ableiten:
1. Dateninventur starten: Überprüfung, welche Daten bereits vorliegen (Kraftstoff, Strom, Telematik, TMS) und welche systematischen Informationen noch fehlen (zum Beispiel Kühlaggregate, Subunternehmer, Lagerenergie).
2. Kühlaggregate gezielt sichtbar machen: Separate Erfassung beziehungsweise Modellierung des Energieverbrauchs der Kühlung; Abbildung in den Emissionskennzahlen, getrennt von Antriebsenergie.
3. Standard wählen und konsequent anwenden: Entscheidung für eine Methodik wie Iso 14083, GHG Protocol-konforme Ansätze plus Dokumentation, damit Kunden und Auditoren die Berechnung nachvollziehen können.
4. Subunternehmer einbinden: Klare, einfache Reporting-Anforderungen definieren (möglichst automatisiert) und bei der Datenbereitstellung mit Templates und digitalen Schnittstellen unterstützen.
5. Energie-Hotspots priorisieren: Standzeiten mit laufender Kühlung an Rampe und Hof analysieren; Touren und Zeitfenster so planen, dass Temperaturanforderungen und Energieeffizienz zusammenpassen; Lagertechnik (Tore, Isolierung, Schnelllauftore, Kühlzonentrennung) in ein Energie- und Emissionsprogramm einbinden.
6. Emissionsdaten als Steuerungsinstrument nutzen: Kennzahlen pro Palette, Sendung oder Temperaturzone etablieren und diese KPIs regelmäßig im Management und operativ besprechen, um daraus Handlungsfelder abzuleiten.
Ausblick: Transparenz wird zur neuen Lizenz im Markt
Der Zugang zu Wachstumsmärkten, die Attraktivität für Kunden und die Fähigkeit, steigende Energiepreise zu kompensieren, hängen künftig wesentlich davon ab, wie gut ein Unternehmen seine Emissionen im Griff hat.
Für Frische- und Tiefkühllogistiker heißt das: Ohne belastbare Emissionsdaten bleibt Dekarbonisierung Stückwerk – und Regulatorik ein Risiko. Mit datengestütztem Emissionsmanagement werden Nachhaltigkeit, Effizienz und Resilienz der Kühlkette zu drei Seiten derselben Medaille.
Unternehmen, die heute in Transparenz, Standardisierung und digitale Emissionsplattformen investieren, schaffen sich nicht nur einen Vorteil im Reporting – sie gewinnen eine neue Entscheidungsbasis für ihr Kerngeschäft: eine sichere, effiziente und klimaverträglichere Versorgung mit Frische- und Tiefkühlwaren.
Tobias Bohnhoff
Unser Autor
Unser Autor Tobias Bohnhoff ist Mitgründer und CEO von Shipzero, Hamburg.








